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Liebe, verstehst Du Von Verena Zenk Ein Dunst, der nach einer Mischung aus Fruchtdrops und Honig riecht, wabert durch die Weddinger Shicha-Bar. Neun Jugendliche in Kapuzenshirts, Baggy Pants und mit gegelten Haaren kauern auf einer Eckbank im Halbdunkel. Auf dem Boden vor ihnen stehen, wie glasierte Keramikvasen, Shichas, die traditionellen türkischen Wasserpfeifen. Wortfetzen wie ?Alter, hör auf!?oder ?Ich geh raus kiffen - kommst du mit?? vermischen sich mit dem orientalischen Singsang aus der Lautsprecheranlage. Jedes halbe Jahr werden die Jugendlichen von ihrem Betreuer Kemal Özbasi von der Jugendsozialarbeit Gangway in die Shicha-Bar eingeladen. Alle Männer, die hier herkommen, waren in ihrer Jugend kriminell. Auch Harkan. Mit Drogen handeln und Leute ausrauben gehörte für Harkan zum Alltag. ?Ticken, abziehen ? das übliche so?, sagt der Türke, während er seine Zigarette ausdrückt. Gesinnungswandel ? vom Schläger zum Familienvater Heute denkt er anders, sagt Harkan und knufft Ahmet neben ihm mit dem linken Ellbogen in die Rippen. Beide grinsen sich an. Sie kennen sich seit drei Wochen. ?Wir sind Brüder. Wir sind wie Brüder geworden?, sagt Harkan. Sie wurden Brüder, weil sie sich gestritten haben. Um eine Frau. Um Harkans Ex-Freundin. Harkan legt seinen Arm über Ahmets Schulter und drückt seinen Kopf an dessen Brust. Statt zu prügeln, haben sich die beiden ausgesprochen. ?Warum um eine Frau schlagen? Sie ist es nicht wert?. Sie verschränken die Arme, drücken ihre Schulterblätter gegen das Rückenpolster der Sitzbank und rutschen mit ihrem Gesäß an die vordere Sitzbankkante. ?War echt Scheiße. Prügeln bringt nichts?, sagt Harkan. Er möchte friedlicher Familienvater werden. Die übrigen Jugendlichen von Gangway sind dazu übergegangen, Türkisch zu reden. In der Hand halten sie kunstvoll gedrechselte, daumendicke, etwa zehn Zentimeter lange Hölzer in denen hellgrüne Mundstücke aus Plastik stecken. Kein Geld, keine Frau, keine Familie Die Konstruktion, die an den Griff eines Springseils aus Omas Zeiten erinnert, ist über einen gerippten Baumwollschlauch mit dem am Boden stehenden vasenartigen Glaskolben mit orientalischem Muster verbunden. Immer wieder saugen die Jugendlichen an den Mundstücken, runden ihre Lippen und pusten weißen Rauch in die Luft. Als das Thema Frauen angesprochen wird, hören die Jugendlichen von Gangway auf, türkisch zu reden, und schauen in Richtung Harkan. ?Türkische Frauen sind total hochnäsig?, rufen die jungen Männer am Ende der Eckbank. Die anderen nicken. Ahmet erklärt, dass für die Türkinnen nur Statussymbole zählen. ?Ohne Kohle ? keine Freundin. Ohne Freundin keine Heirat.? Ohne Heirat keine Familie. Die jungen Männer nicken. Türkische Frauen stehen auf teure Wagen, sagt Harkan. Von der Freundin verlassen Andere junge Türken leihen sich am Wochenende ein schnelles Auto, machen Spritztouren in andere Großstädte wie Köln und Hamburg und laden ihre Freundinnen in Discos und Caf?s ein. Harkan hat dafür nicht genug Geld. Seine Freundin, die er heiraten wollte, hat ihn deshalb verlassen. Harkan senkt die Augenlider und starrt auf den Tisch. Er ballt die Hand zur Faust, richtet sich auf und klopft sich auf die Brust. ?Das tut weh! Liebe, weißt du?? Harkan möchte so bald wie möglich heiraten, damit er eine eigene Familie gründen kann. Noch sucht er die passende Frau. ?Ich will auf jeden Fall 'ne Jungfrau. Das gibt?s kaum mehr. Türkische Frauen sind Schlampen." Als Harkan seinen Vater erwähnt, schluckt er und lässt die Schultern nach vorne sinken. Sein Vater ist vor zwei Tagen aus dem Koma erwacht. Er möchte nicht darüber reden. Mit dem Zeigefinger tippt er auf den Tisch. ?Jemand, der behauptet, dass seine Familie ihm weniger wichtig ist, als seine Freunde, dem hau' ich eine rein!? Während sein Vater im Krankenhaus liegt, hat er sich um die Familie gekümmert. Gelegenheitsjobs ? Harkan verdient sein eigenes Geld Harkans Vater kommt mit der ersten Generation Gastarbeiter nach Deutschland. In der Türkei arbeitet sein Vater als Journalist, in Deutschland als Gärtner. Bevor er arbeitslos wird, schlägt er sich von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob durch. Seit seiner Kindheit begeistert sich Harkan für Autos. Das ist ein ?großes Glück?. Ahmet grinst und klopft mit der Hand auf Harkans Schulter: ?Da ist er echt gut drin?. Wie sein Vater verdient er sein Geld mit Gelegenheitsarbeiten. Für eine Autowerkstatt verdient Harkan sein eigenes Geld - für sich und seine Familie. Früher ergaunerte er Geld in der Gang. Diese Zeiten sind vorbei, sagt Harkan, während er mit den Fingernkuppen die Tischkante entlangstreicht. Seine Lehre hat der 25-Jährige acht Mal abgebrochen, weil er Probleme in Familie und Freundeskreis hatte. Harkan wurde angeboten, eine Autowerkstatt zu leiten - er hat ausgeschlagen: ?Ich bin nicht gut genug dafür und pack' das nicht.? Harkan kneift die Augen zusammen. Er starrt auf die Tischplatte. ?Ich bin nicht blöd oder so?, sagt er und mustert der Reihe nach die anderen Jugendlichen. |